Aussichtstürme, Denkmale, Zeichen und Skulpturen

Autoren: 

Burkhard Pahl

Bildurheberrechte: Pahl, B.: Archiv des Autors

Überraschend ist die Wahrnehmung zeichenhafter Türme, wenn sie nicht mehr isoliert ihren jeweiligen Aufstellungsort dominieren, sondern nach Bauhöhe sortiert, eingereiht und dargestellt sind. Der konstruktivistische und programmatische Tatlin-Turm von 1920 (geplantes Monument für die 2. Kommunistische Internationale) erreichte als Holzmodell lediglich eine Höhe von 5 m. Dennoch steht er symbolhaft für die Befreiung von einer überkommenen Formensprache. 

Die heute üblichen und vielfältigen Ausdrucksformen unterliegen abgrenzbaren Gesetzmäßigkeiten mit unterschiedlicher Wahrnehmung der Tragkonstruktion:

-  Prinzip Säule, zumeist abstrakte geometrische Körper in monolithischer Bauweise, Massivbau, weitgehend geschlossene Oberfläche;

-  figürliche Darstellungen, bis ca. 30 m Höhe, basierend auf Hilfskonstruktion (innen liegendes Stahlgerüst) und Bekleidung;

-  stufenartige Massenbauwerke;

-  Skelettbauten mit und ohne Bekleidung, vornehmlich als Lichtskulptur oder Aussichtsturm, mit integrierter Treppenanlage errichtet;

-  Annäherungen an Strukturformen, visuelle Darstellung des Tragwerkverhaltens als Form gebendes Prinzip;

-  Experimentaltürme und Skulpturen, teils formal überhöhte Darstellung von Teilaspekten der Formfindung oder der Tragstruktur (z. B. Tensegrity).

Formale Glaubwürdigkeit im Erscheinungsbild entsteht durch konstruktive Einfachheit und strukturelle Qualität aller Teile. Als Zeichen bedürfen sie einer bildhaften Sprache, Unverwechselbarkeit. Diese kann auch ein herausragendes Tragsystem sein. Ein Problem besteht in der Maßstabslosigkeit gleicher Bauformen (Obelisk, vgl. auch Washington Monument, Abbildung 36).

Bildurheberrechte: Pahl, B.: Archiv des Autors

Größtes deutsches Denkmal und frühes Beispiel der Verwendung von Beton (120.000 m³) ist das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (Abbildung 37) [Richter, 34], 1898 - 1913 als Ehr- und Mahnzeichen der Völkerschlacht Oktober 1813 errichtet. Der gewaltige Fundamentkörper (Stampfbetongewölbe, l x b x h = 70 x 80 x 26 m) stützt einen kuppelförmigen Bau, welcher mit Granitporphyr verkleidet wurde. Die bewehrte Kuppel besteht aus Sichtbeton (vgl. Max Berg, Jahrhunderthalle u. a.). Entnommene Bohrkerne zeigen Druckfestigkeiten von 15 - 30 N/mm², einzelne Werte bis 50 N/mm² [34, ebenda].

Bildurheberrechte: Pahl, B., Teichmann, J. nach Aufmaß, Hochbauamt der Stadt Leipzig, 2001

Die figürlichen Darstellungen zahlreicher Denkmale bedienen sich diverser Hilfskonstruktionen und Bekleidungen, weshalb sich aus statischer Sicht eine Höhenbegrenzung bei ca. 30 m einstellt. Bedeutende Skulptur ist der Cristo Redentor (Abbildung 38), Rio de Janeiro, welcher auf einem 30 m hohen konstruktiven Stahlgerüst beruht (zuzügl. 6 m Sockelbauwerk), mit Beton umhüllt und mit Mosaik bekleidet ist. Die Spannweite der Arme beträgt 29 m, das Gesamtgewicht ca. 145 to. [Werner, 35].

Bildurheberrechte: Pahl, B., Teichmann J. nach Cristo Redentor - Christusstatue in: Brasilien.de Reiseservice, Eichstetten

Zeichenhafte Türme dienen in der Regel auch als Aussichtstürme. Neben dem Aufzug ist eine notwendige Treppe unverzichtbarer Bestandteil. Lag der Abstand von Notzugangstüren in den Aufzugsschacht bis vor wenigen Jahren bei 15 m, ist der Höhenabstand in Deutschland heute reduziert worden. Dies bedeutet eine zwingende Kombination von Treppe und Aufzug mit Anordnung von Podesten oder Plattformen an der Schachtwand (vgl. Gasometer Oberhausen).

Beispielgebend ist die Anordnung bereits 1938 bei dem Stadionturm des Olympiastadions Helsinki (1940 / 52) gelöst worden (Abbildung 39). die formale Betonung der Treppe steht für einen funktionalistischen Ansatz des Turmentwurfes, welcher seine Gestalt ausschließlich aus seinen funktionalen Elementen (Treppe, Aufzug) bezieht.

Bildurheberrechte: Pahl, B.: Archiv des Autors

Moderne Aussichtstürme gewinnen ihre Gestalt aus der Anordnung von Treppe in Kombination mit einem leistungsfähigen Tragwerk. Einer weiteren zeichenhaften Symbolik bedarf es nicht.

Bildurheberrechte: Pahl, B.; Arnold, S. nach Picon [Lit. 23, S. 507, S. 472, S. 459]; Koepf [Lit. 4, S. 335]; Ludwig, Th.: Der Herkules in Kassel, Regensburg, Schnell + Steiner, 2004, S. 11; Detail 11 / 2002 und 8/2001; Richter [Lit. 34, S. 333 - 337]; Werner [Lit. 35, S. 23]; Leonhardt [Lit. 37, S. 244]; Schädlich [Lit. 15, S. 138 ff.]; Svenska Architekters, Riksförbund: Gunnar Asplund Architekt, Stockholm, Byggförlaget, 1950, S. 55; Archiv des Autors; Drechsel [Lit. 30, S. 238]

Tabelle 6:Aussichtstürme, Zeichen und Skulpturen

 

Ort

Baujahr

Höhe

 

 

 

 

01

Turm der Winde, Japan

1986

20m

02

Hafenturm, Friedrichshafen

o.A.

21m

03

Obelisk (Luxor), Place de la Concorde, Paris

ca. 1200 v. Chr.

24m

04

Alexander Graham Bell, Kanada

o.A.

28m

05

Needle Tower II, Otterlo

1969

30m

06

Triumphsäule, Rom

2. Jh. n. Chr.

35m

07

Christo Redentor, Rio de Janeiro

1926 – 1931

36m

08

Killesberg, Stuttgart

2000 – 2001

41m

09

Mausoleum, Halikarnass

352 v. Chr.

50m

10

Freiheitsstatue, New York

1875 - 1886

56m

11

Denkmal Herkules, Kassel

1702 - 1717

59m

12

Olympiaturm, Helsinki

1938

72m

13

Skylon, London

1952

72m

14

Messeturm (Hermes), Hannover

1955 – 56

89m

15

Völkerschlacht, Leipzig

1898 – 1913

91m

16

Tour d`orientation, Grenoble

1925

100m

17

Exibition, Stockholm

1930

110m

18

Messe (Mannesmann), Hannover

1954

120m

19

Washington Memorial, Washington

1848 – 84

169m

20

Eifelturm, Paris

1889

317m

21

Tatlinturm, Moskau

1920

(geplant > 320m) Modell 5m