Sonderbauten

Autoren: 

Burkhard Pahl

Sonderbauten

Weitere turmartige Bauwerke finden sich in zahlreichen technischen Bereichen. Sie sind in den Bauordnungen unter Sonderbauten zusammengefasst. Singuläre Bauaufgaben (Fallturm der Universität Bremen, Aufzugsvorrichtungturm in Rottweil, u.a.), Schlauchtürme und Übungstürme der Feuerwehren zeigen keine gattungsbildenden Merkmale.

Bauten hoher Komplexität (z. B. Hochöfen, Chemieanlagen) sind oftmals Gerüste zur Aufnahme technischer Installationen.

Gasometer sind den Behälterbauten zuzuordnen und ähnlich den frühen Wassertürmen mit Hüllflächen umschlossen. Das teleskopartige oder sonstige Innenleben ist heute in der Regel entfernt. Der Torso steht dann als außergewöhnlicher Ausstellungsraum (Oberhausen, Leipzig) zur Verfügung.

Eine signifikante funktionale Gruppe stellen Überwachungs- und Beobachtungstürme dar. Vom Stellwerk (oftmals als schlankes Bauwerk zwischen Gleisfeldern eingefügt) bis zum turmartigen Schleusenwärterhaus sind auch sie oftmals Historie. Nicht so der Flughafentower (Abbildung 62). Mit hoch liegendem Betriebsgeschoss, Überwachungsraum (Landeanflug, Platzgeschehen), Radar- und Funktechnik ist er dem Fernmeldeturm artverwandt. Die Bauhöhen reichen von geringer Höhe (Kriterium Platzüberblick) bis zu ca. 80 m Höhe.

Einen Sonderfall turmartiger Bauwerke stellen die Anlauftürme der Sprungsschanzen dar. Sie resultieren aus dem steilen Anlaufwinkel moderner Groß- und Flugschanzen, welche bei einer Gesamtabwicklungslänge der Schanzenanlagen von 300 - 400 m keine topographische Einbettung mehr finden (Abbildung 65). In Einzelfällen (Lathi, Finnland) ist darüber hinaus der Aufsprungbereich oberhalb des theoretischen Landepunktes aufgeständert (Abbildung 66).

 

Kletterten früher die Springer die Schräge des Anlaufturmes hinauf, ist heute die Anordnung von Aufzügen (Lifte, Kabinenhöhe ca. 2,80 - 3,00 m!), Schanzentechnik (elektrohydraulische Antriebe), Kältetechnik und die Anordnung von Medientechnik und Aufwärmraum am Schanzenkopf entwurfsbestimmend (Abbildungen 66 und 67). 

 

Die Bauweise ähnelt Brückenpylonen mit angelegtem Fahrbahntrog unter Vermeidung von nachteiligem Schwingungsverhalten (Abgleich mit der Eigenfrequenz erforderlich) und möglichst unter Verzicht auf Bauwerksfugen im gesamten Anlaufbereich.

Weiteres Entwurfskriterium ist der Einstiegsbereich, welcher seitlich der parallel geführten Anlaufspur gefordert ist. 

In den Darstellungen turmartiger Bauwerke [37] werden oftmals Brückenpylone aufgeführt. Sie sind Wesensbestandteil von Brückenbauwerken. Hinsichtlich der Wahrnehmung und Bedeutung im Gesamtsystem gehen sie über ihre dienende Funktion hinaus und werden in zahlreichen Beispielen zum Gestalt bestimmenden turmartigen Bauwerk (vgl. Betonkalender 2004, Bd. 1). Sie stehen in Schlankheit und Bauhöhe den zuvor gezeigten Turmbauweisen nicht nach.

Sie gewinnen ihre glaubwürdige Gestalt aus der Funktion (Einleitung von Seilkräften, punktuelle Unterstützung etc.). Als stadt- und landschaftsbestimmende Bauwerke neigen auch sie zur Individualisierung (vgl. Fernsehtürme) in der Formensprache und zu zeichenhafter Symbolik (vgl. Erasmusbrücke, Rotterdam, Abbildung 68); neue Kanalbrücke, Utrecht u. a.). Dadurch verlieren sie etwas von der archaischen Kraft und Darstellung der inneren Logik (vgl. Ganterbücke, Simplonpass von Chr. Menn), die leistungsfähigen, turmartigen Tragsystemen innewohnen sollte.