Zielbestimmung

Autoren: 

Kornelius Götz
Bildurheberrechte: Büro für Restaurierungsberatung Götz | Lindlar 2005

Einführung
Dieses Beitrag basiert auf einem Workshop am 14.12.2010 zum Thema Nachnutzung / Zielbestimmung. Er wurde im Rahmen des Projektes „Aktionsplan für den nachhaltigen Umgang mit Industriedenkmälern“ am Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) organisiert.

Die Nachnutzungsüberlegungen münden in die Formulierung eines (oder mehrerer) Erhaltungsziel(e). Denn innerhalb eines Industriedenkmals können durchaus mehrere (Sub)ziele realisiert werden. Durch die Festlegung eines Erhaltungsziels wird das Industriedenkmal in seiner künftigen materiellen Erscheinung entscheidend geprägt.
Die Auswahl und Festlegung eines bestimmten Erhaltungszieles ergibt sich nicht automatisch aus der Geschichte oder dem aktuellen Zustand des Industriedenkmals. Prinzipiell können die Ziele zwischen zwei Extremen festgelegt werden:

  • Konservierung des Stillstandes (Ruine) oder
  • Reparatur, Renovierung, Sanierung2.

Der Extremfall einer vollständigen Nichterhaltung als „Zielbestimmung“ wird hier nicht diskutiert, weil er per se mit dem vollständigen materiellen Verlust des Industriedenkmals verbunden ist.
Alle dazwischen liegenden Ziele sind ebenso möglich. Der Übergang ist auf dieser Skala fließend. In der Praxis beeinflussen Restriktionen durch das vorgegebene Budget häufig das Erhaltungsziel.
Nachnutzung und Zielbestimmung von Erhaltungsmaßnahmen stehen in Wechselwirkung zueinander: Erhaltungsziele ermöglichen und beschränken Nutzungen; Nutzungen ermöglichen, erleichtern, erschweren oder verhindern die Umsetzung bestimmter Erhaltungsziele.
Die Erhaltungsziele selbst beruhen zum einen auf den zugeschriebenen Denkmaleigenschaften, deren dauerhafter Erhalt damit angestrebt wird, zum anderen auf der (neuen) Funktion eines Denkmals in einem größeren Zusammenhang – hier kann es zu einer „Vergröberung“ der Erhaltungsziele kommen.

Definition von Erhaltungszielen

Dieser Schritt ist von überragender Bedeutung für die konkreten Erhaltungsmaßnahmen. Im folgenden Beispiel soll dies anhand von Rohrleitungstrassen auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei Zollverein gezeigt werden.
Auf Rohrleitungstrassen treffen alle typischen Merkmale zu, die bei der Erhaltung von Industriedenkmalen Schwierigkeiten machen: große räumliche Ausdehnung, Material- und Strukturvielfalt, Schadstoffbelastung. Hinzu kommt ihre geringe Haltbarkeit in Jahren bemessen, da es sich bei Rohrleitungstrassen im normalen industriellen Nutzungsprozess außerordentlich kurzlebige Elemente in der Industrieanlage handelt. Der sogenannten Rohrleitungsabschnitt „m“ – ein Abschnitt von vielen anderen Rohrleitungstrassen in der Kokerei Zollverein - ist zum Beispiel 206 Meter lang und hat eine Oberfläche von ca. 9.400 Quadratmeter (Tragewerk und Rohrleitungen).
Die Rohrleitungstrassen wurden als Beispiel gewählt, weil bei Ihnen die unterschiedlichsten Varianten realisiert wurden und deshalb die unterschiedlichen Konsequenzen diskutiert werden können:

1. Erhaltungsziel „Entkernen“ (alle Rohre mit kleinem Durchmesser werden entfernt):
Übrig bleibt das Tragewerk und ein paar wenige große Rohre. Die gestaltprägende Wirkung einer mit großen und kleinen Rohren vollgepackten Rohrleitung geht dabei verloren.

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2. Rückbau, Reparatur oder Rekonstruktion?
Diese Frage stellt sich besonders dann, wenn die ursprünglich in den Rohrleitungen transportierten Medien Schadstoffe beinhalten, die nach Ende der Produktion in den Rohren verbleiben. Die Schadstoffbelastung verursacht schwere Schäden an der Substanz, die sich von innen nach außen fressen bis zu einem Totalverlust der Rohrleitungswand. Der Rückbau dieser geschädigten Rohrleitungen führt zum Verlust der gestaltprägenden Wirkung. Die Reparatur durch Einsetzen neuer Stahlbleche kann aus Kostengründen scheitern. Die Rekonstruktiondes gesamten Rohres kann sich als kostengünstige Variante erweisen. Die ursprüngliche Substanz geht dabei allerdings verloren, die gestaltprägende Erscheinung wird erhalten.

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3. Ziel „Erhaltung Ist-Zustand“:
Es wird nicht flächig neu beschichtet, sondern die Korrosionsschäden an den Rohrleitungen werden partiell repariert durch einen neuen Schutzanstrich. Der Farbton der Reparaturanstriche wird gemäß dem vorgefundenen Bestand nachgemischt. Nicht geschädigte Oberflächen werden nur transparent beschichtet. Geschädigte Rohrisolierungen aus Zinkblech werden ebenfalls nur partiell durch neue Bleche ersetzt, Isoliermatten werden nicht mehr eingebaut. Die gestaltprägende Wirkung einer kompakt belegten Rohrleitungstrasse wird erhalten.

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4. Erhaltungsziel „Stillstand (Ruine)“:
Der gesamte vorgefundene Bestand mit allen Schäden wird belassen. Direkte Eingriffe unterbleiben. Die Substanz wird durch die Konstruktion eines Schutzdaches vor der weiteren direkten Wetterwirkung geschützt. Dieses Ziel kann kostengünstig realisiert werden, aber das Erscheinungsbild beeinträchtigen oder aufgrund der Anlagengröße unmöglich sein.

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2. Gemäß Definitionen in EN 15898:2011