Zur Relevanz des Städtebaus von Industriedenkmalen

Autoren: 

Heike Oevermann
Bildurheberrechte: Heike Oevermann

Die Stadtforschung hat in den letzten Jahrzehnten oftmals wiederholt, wie sehr „places matter“. Orte sind geprägt von Architektur und Städtebau und ihren Nutzungen.

Für Industriedenkmale gilt insbesondere, dass ihre materiellen Hinterlassenschaften die Dokumente darstellen, die von früheren Produktionsprozessen, von Firmen- und Stadtgeschichte und nicht zuletzt von dem sozialen Gesellschaftsgefüge und ihren Aushandlungen erzählen. Ein Frauenwaschhaus mag weder technikgeschichtlich, noch architekturgeschichtlich interessant sein, aber sozialgeschichtlich. Mit anderen Worten: Anbauten, Umbauten und auch kleinteilige Architekturen können eine wichtige historische Bedeutung für das Industriedenkmal haben und auch diese müssen sorgfältig geprüft werden, bevor dort mit Maßnahmen zur Sicherung und Umnutzung oder womöglich mit Teilabrissen eingegriffen wird.

Forschungen zeigen, dass der Städtebau von Industriekomplexen nicht zufällig entstanden ist. Neben den Anforderungen aus der Produktion, sowie lokalen Grenzen und Infrastrukturen die Gebäude-Anordnungen bestimmt haben, sind fast überall tradierte Gestaltungselemente des Städtebaus zu finden: Blockrandbebauungen, Achsen, Hofgruppierungen, Reihungen oder campusartige Anlagen. Zudem haben Firmen oftmals Fassaden, Schornsteine, oder Eingangsbereiche genutzt, um sich repräsentativ in ihrer Stadt darzustellen.

Folgender Fragenkatalog kann helfen, die unterschiedlichen Elemente und Bedeutungen des Städtebaus von Industriedenkmalen angemessen zu dokumentieren und zu bewerten, bevor wieder für Umnutzungen und Konversionen eingegriffen wird.

Gestaltungselemente des Städtebaus:

  • Wo sind tradierte Gestaltungselemente des Städtebaus zu finden?
  • Wie können sie erfasst und beschrieben werden?
  • Zu welchen Zeitschichten gehören sie?
  • In welche Zusammenhänge können sie gestellt werden im Hinblick auf die Produktionsentwicklung und Firmengeschichte und im Hinblick auf die Stadt- und Regionalentwicklungsgeschichte?

Produktionsgeschichtliche Aspekte:

  • Welche (historischen) Produktionsabläufe können erfasst werden und in ihren Veränderungen zeitlich und baulich-räumlich definiert werden?
  • Können Bauphasenpläne erstellt werden, die zudem historische Nutzungen markieren?
  • Wie und warum (nicht) korrelieren Produktionsabläufe und Bauphasen?
  • Wie werden transnationale respektive globale Aspekte der Firma sichtbar?

Sozialgeschichtliche Aspekte:

  • Welche Rolle haben die Firmen in ihrem Selbstverständnis und in Bezug auf Gesellschaftsordnungen gehabt?
  • Wurde diese Rolle in baulichen Repräsentationen oder spezifischen Funktionen, wie z. B. dem Arbeiterwohnungsbau o.ä. implementiert?
  • Wo und wie waren die Sozialfunktionen des Betriebs räumlich angeordnet?
  • Was können uns provisorische Bauten und Reparaturen erzählen?